Geschichte der Bürgerbewegung

Hier können Sie sich über die Entstehungsgeschichte des Neuen Forum und dessen Aktivitäten der letzten Jahre informieren.

Aktivitäten zur Aufarbeitung der Bürgerbewegung in Schmölln zur Zeit der friedlichen Revolution

Bild von Demonstration
Bild: Demonstration um 1989

Eine Arbeitsgruppe innerhalb des Neuen Forums Schmölln arbeitet derzeit an einer Ausstellung zur Dokumentation der Ereignisse während der friedlichen Revolution in den Jahren 1989 und 1990 in unserer Stadt.

Es ist geplant, diese Dokumentation in Form von Schautafeln zu gestalten und im Herbst 2009 der Öffentlichkeit zugängig zu machen.

Die Inhalte orientieren sich an einem Zeitstahl und sollen neben Augenzeugenerinnerungen auch diverse Originaldokumente und Presseberichte aus diesem Zeitraum präsentieren.

Arbeitsgruppe bei der Arbeit
Arbeitsgruppe bei der Arbeit

Dazu wurden bereits umfangreiche Materialien gesammelt, als auch einige Aktivisten der bewegenden Ereignisse im Herbst 1989 über Ihre Erlebnisse befragt.

Wir möchten mit dieser Ausstellung die Erinnerung an die einmalige Aufbruchsstimmung dieser Zeit wachhalten und die Protagonisten für den demokratischen Umgestaltungsprozess würdigen.

Nachfolgend finden Sie als Reminiszenz an die Ideale der Bürgerrechtsbewegung einen Abdruck des Original-Gründungsaufrufes des Neuen Forums in der damaligen DDR.

  • Gründungsaufruf des Neuen Forums
  • Aufbruch 89 - Neues Forum
  • DDR, 10. September 1989
  • maschinengeschrieben
  • 29,8 x 21,2 cm
  • Haus der Geschichte, Bonn
  • EB-Nr.: 1990/6/104

Aufbruch 89 - Neues Forum

In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Belege dafür sind die weitverbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung. Fluchtbewegungen dieses Ausmaßes sind anderswo durch Not, Hunger und Gewalt verursacht. Davon kann bei uns keine Rede sein.

Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in übelgelaunter Passivität und hätten doch Wichtigeres zu tun für unser Leben, unser Land und die Menschheit.

Staat und Wirtschaft funktioniert der Interessenausgleich zwischen den Gruppen und Schichten nur mangelhaft. Auch die Kommunikation über die Situation und die Interessenlage ist gehemmt. Im privaten Kreis sagt jeder leichthin, wie seine Diagnose lautet und nennt die ihm wichtigsten Maßnahmen. Aber die Wünsche und Bestrebungen sind sehr verschieden und werden nicht rational gegeneinander gewichtet und auf Durchführbarkeit untersucht. Auf der einen Seite wünschen wir uns eine Erweiterung des Warenangebots und bessere Versorgung, andererseits sehen wir deren soziale und ökologische Kosten und plädieren für die Abkehr von ungehemmtem Wachstum. Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verhältnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie, selbstbewusste Menschen, die doch gemeinschaftsbewusst handeln. Wir wollen vor Gewalt geschützt sein und dabei nicht einen Staat von Bütteln und Spitzeln ertragen müssen.

Faulpelze und Maulhelden sollen aus ihren Druckposten vertrieben werden, aber wir wollen dabei keine Nachteile für sozial Schwache und Wehrlose. Wir wollen ein wirksames Gesundheitswesen für jeden; aber niemand soll auf Kosten anderer krank feiern. Wir wollen an Export und Welthandel teilhaben, aber weder zum Schuldner und Diener der führenden Industriestaaten noch zum Ausbeuter und Gläubiger der wirtschaftlich schwachen Länder werden.

Um all diese Widersprüche zu erkennen, Meinungen und Argumente dazu anzuhören und zu bewerten, allgemeine von Sonderinteressen zu unterscheiden, bedarf es eines demokratischen Dialogs über die Aufgabe des Rechtsstaates, der Wirtschaft und der Kultur. Über diese Fragen müssen wir in aller Öffentlichkeit, gemeinsam und im ganzen Land, nachdenken und miteinander sprechen. Von der Bereitschaft und dem Wollen dazu wird es abhängen, ob wir in absehbarer Zeit Wege aus der gegenwärtigen krisenhaften Situation finden. Es kommt in der jetzigen gesellschaftlichen Entwicklung darauf an,

dass eine größere Anzahl von Menschen am gesellschaftlichen Reformprozess mitwirkt,

dass die viefältigen Einzel- und Gruppenaktivitäten zu einem Gesamthandeln finden.

Wir bilden deshalb gemeinsam eine politische Plattform für die ganze DDR, die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen möglich macht, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen. Für eine solche übergreifende Initiative wählen wir den Namen

Die Tätigkeit des NEUEN FORUM werden wir auf gesetzliche Grundlagen stellen. Wir berufen uns hierbei auf das in Art. 29 der Verfassung der DDR geregelte Grundrecht, durch gemeinsames Handeln in einer Vereinigung unser politisches Interesse zu verwirklichen. Wir werden die Gründung der Vereinigung bei den zuständigen Organen der DDR entsprechend der VO vom 6. 11.1975 über die "Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen" (GB1I, Nr. 44, S. 723)
anmelden.

Allen Bestrebungen, denen das NEUE FORUM Ausdruck und Stimme verleihen will, liegt der Wunsch nach Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie sowie Schutz und Bewahrung der Natur zugrunde. Es ist dieser Impuls, den wir bei der kommenden Umgestaltung der Gesellschaft in allen Bereichen lebensvoll erfüllt wissen wollen. Wir rufen alle Bürger und Bürgerinnen der DDR, die an der Umgestaltung unserer Gesellschaft mitwirken wollen, auf, Mitglieder des NEUEN FORUM zu werden.
Die Zeit ist reif.

Samstag, 25. November 2017

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